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Die Energiewende: Mehr als nur Sonne und Wind

Die Energiewende: Mehr als nur Sonne und Wind
⏱ 45 min
Die globale Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat im Jahr 2023 einen neuen Rekordwert von über 5.000 Terawattstunden (TWh) erreicht, was mehr als einem Drittel der weltweiten Stromproduktion entspricht. Während Solar- und Windenergie zweifellos die Haupttreiber dieser Transformation sind, sind sie nur die Spitze eines Eisbergs an innovativen Technologien, die das Potenzial haben, unsere Energieversorgung grundlegend zu verändern.

Die Energiewende: Mehr als nur Sonne und Wind

Die Dominanz von Photovoltaik und Windkraft in der öffentlichen Wahrnehmung der erneuerbaren Energien ist unbestreitbar. Ihre rasanten Kostensenkungen und ihre zunehmende Verbreitung haben die Energiewende maßgeblich vorangetrieben. Doch die Abhängigkeit von Wetterbedingungen und die Notwendigkeit großer Flächen für die Installation von Solarparks und Windturbinen stellen Herausforderungen dar. Dies hat die Forschung und Entwicklung in alternative und ergänzende erneuerbare Energiequellen intensiviert. Es ist entscheidend, die Vielfalt der verfügbaren Technologien zu erkennen und zu nutzen, um ein robustes, resilientes und vollständig nachhaltiges Energiesystem zu schaffen. Die Diversifizierung der Energiequellen ist nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch der strategischen Unabhängigkeit und der Minimierung von Umweltrisiken.

Herausforderungen und die Suche nach Alternativen

Die intermittierende Natur von Sonne und Wind – die Verfügbarkeit schwankt je nach Tageszeit, Jahreszeit und Wetter – erfordert massive Investitionen in Energiespeichersysteme, wie Batterien oder Pumpspeicherkraftwerke. Diese Speicherlösungen sind zwar technologisch fortgeschritten, aber oft kostspielig und platzintensiv. Darüber hinaus stoßen großflächige Solarparks und Windparks auf Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung und können Ökosysteme beeinträchtigen. Diese Faktoren zwingen uns, über die etablierten Technologien hinauszublicken und das volle Potenzial anderer erneuerbarer Energiequellen zu erschließen.

Das Potenzial der Diversifizierung

Eine breitere Palette an erneuerbaren Energiequellen kann die Stabilität des Stromnetzes erhöhen, da verschiedene Technologien unterschiedliche Verfügbarkeitsprofile aufweisen. So liefert Geothermie beispielsweise eine grundlastfähige, konstante Energiequelle, während Wasserkraft bei Bedarf schnell auf Schwankungen im Stromnetz reagieren kann. Biomasse und Biogas bieten ebenfalls eine Form der grundlastfähigen Energieerzeugung und können gleichzeitig zur Abfallwirtschaft beitragen. Die Entwicklung von grünem Wasserstoff als Energiespeicher und Brennstoff eröffnet neue Möglichkeiten für Sektoren, die schwer zu dekarbonisieren sind, wie die Industrie und der Schwerlastverkehr. Letztendlich zielt die Diversifizierung darauf ab, ein Energiesystem zu schaffen, das nicht nur kohlenstofffrei, sondern auch zuverlässig und wirtschaftlich ist.

Geothermie: Die Wärme aus der Tiefe

Die Nutzung der Erdwärme ist eine der ältesten Formen der Energiegewinnung, doch moderne Techniken machen sie heute zu einer hochrelevanten und nachhaltigen Energiequelle. Geothermie nutzt die natürliche Wärme des Erdinneren, die durch radioaktiven Zerfall von Elementen in der Erdkruste und dem Erdmantel kontinuierlich erzeugt wird. Diese Wärme kann direkt zum Heizen und Kühlen von Gebäuden genutzt oder zur Stromerzeugung in geothermischen Kraftwerken verwendet werden.

Direkte Nutzung und Fernwärme

In vielen Regionen der Welt, insbesondere dort, wo die geothermische Aktivität hoch ist, wird die Erdwärme bereits seit Jahrzehnten für Heizzwecke genutzt. Über Bohrungen wird heißes Wasser oder Dampf aus tiefen Gesteinsschichten an die Oberfläche gefördert und in Nah- und Fernwärmenetzen zur Beheizung von Wohngebäuden, öffentlichen Einrichtungen und Industrieanlagen verteilt. Diese Methode ist besonders effizient, da sie weniger Energieverluste verursacht als die dezentrale Erzeugung von Wärme in einzelnen Heizungsanlagen. Die stetige Verfügbarkeit macht sie zu einer idealen Ergänzung zu intermittierenden erneuerbaren Energien.

Stromerzeugung aus Erdwärme

Für die Stromerzeugung wird die geothermische Wärme genutzt, um Wasser zu verdampfen. Der entstehende Dampf treibt Turbinen an, die wiederum Generatoren zur Stromerzeugung in Bewegung setzen. Je nach Temperatur des geothermischen Mediums kommen unterschiedliche Kraftwerkstypen zum Einsatz: * **Trockendampfkraftwerke:** Nutzen direkt überhitzten Dampf. * **Heißwasserkraftwerke (Flash-Kraftwerke):** Nutzen heißes Wasser, das unter Druck steht und beim Entspannen verdampft. * **Binärkraftwerke:** Nutzen Wärme mit niedrigerer Temperatur (typischerweise 100-180°C), um ein Arbeitsfluid mit niedrigem Siedepunkt zu verdampfen. Die Forschung konzentriert sich zunehmend auf sogenannte "Enhanced Geothermal Systems" (EGS), bei denen durch hydraulische Fracturierung künstliche Risse im Gestein erzeugt werden, um die Durchlässigkeit zu erhöhen und so auch in Gebieten mit geringerer natürlicher Geothermie Strom erzeugen zu können.
80°C
Mindesttemperatur für Direktnutzung (Heizung)
150°C
Mindesttemperatur für Stromerzeugung (Binärkraftwerk)
5.000+
Jahre Nutzung durch indigene Kulturen (Island)
"Geothermie ist eine unterschätzte, aber extrem leistungsfähige Säule der Energiewende. Sie liefert konstante, zuverlässige Energie, unabhängig von Wetter und Tageszeit, und das mit minimalem Flächenverbrauch und geringen Umweltauswirkungen."
— Dr. Anna Schmidt, Leiterin des Instituts für Erdwärmeforschung

Potenziale und Herausforderungen der Geothermie

Die globalen Reserven an nutzbarer Erdwärme sind immens und könnten theoretisch den weltweiten Energiebedarf für Jahrtausende decken. Die Herausforderungen liegen in den hohen Anfangsinvestitionen für Bohrungen und Infrastruktur sowie in der geografischen Abhängigkeit von geeigneten geologischen Bedingungen. Dennoch wird durch technologische Fortschritte die Wirtschaftlichkeit verbessert und die Anwendbarkeit auf immer mehr Regionen ausgeweitet.

Wasserkraft 2.0: Neue Ansätze und Potenziale

Wasserkraft ist eine etablierte erneuerbare Energiequelle, die weltweit einen erheblichen Anteil an der Stromerzeugung hat. Während große Staudammprojekte aufgrund ihrer Umweltauswirkungen und sozialen Folgen oft kontrovers diskutiert werden, eröffnen neuartige Ansätze und die Optimierung bestehender Anlagen neue Potenziale für die nachhaltige Nutzung von Wasserenergie.

Kleinwasserkraft und ihre Vorteile

Kleinwasserkraftwerke, typischerweise mit einer Leistung von bis zu 10 Megawatt (MW), bieten eine dezentrale und umweltfreundlichere Alternative zu großen Staudammprojekten. Sie können oft in bestehende Flussläufe integriert werden, ohne größere ökologische Eingriffe wie die Flutung großer Flächen zu verursachen. Ihre geringere Größe reduziert auch die Auswirkungen auf aquatische Ökosysteme und Fischwanderungen. Viele Kleinwasserkraftwerke können zudem flexibel auf den Energiebedarf reagieren und somit zur Netzstabilisierung beitragen.

Gezeitenkraft und Wellenenergie

Die Nutzung der kinetischen Energie von Gezeiten und Meereswellen stellt eine weitere vielversprechende, aber technologisch anspruchsvolle Form der Wasserkraft dar. * **Gezeitenkraftwerke:** Nutzen die natürliche Bewegung von Ebbe und Flut, um Turbinen anzutreiben. Diese Anlagen sind besonders in Regionen mit großen Tidenhüben wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll. Sie können als Damm- oder Turbinenkraftwerke konzipiert werden. * **Wellenkraftwerke:** Wandeln die Energie der Meereswellen in elektrische Energie um. Hier gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, von schwimmenden Bojen, die durch Wellenbewegungen Strom erzeugen, bis hin zu Anlagen, die das Auf und Ab des Wassers in Kammern nutzen, um Luft durch Turbinen zu pressen. Die Entwicklung im Bereich der Wellenenergie ist noch in einem früheren Stadium als bei der Gezeitenkraft, aber die unerschöpflichen und vorhersagbaren Energiereserven der Ozeane machen sie zu einem wichtigen Forschungsfeld.

Optimierung bestehender Anlagen und Pumpspeicherkraftwerke

Auch bestehende Wasserkraftwerke können durch Modernisierung ihrer Turbinen und Steuerungssysteme effizienter gemacht und umweltfreundlicher gestaltet werden. Die Integration von Fischaufstieghilfen und die Verbesserung des Wasserflussmanagements sind wichtige Aspekte. Pumpspeicherkraftwerke sind zwar keine primären Energieerzeuger, spielen aber eine entscheidende Rolle bei der Speicherung von überschüssiger erneuerbarer Energie. Sie fungieren wie riesige Batterien: Bei hoher Stromproduktion (z.B. bei viel Sonne oder Wind) wird Wasser in ein höher gelegenes Becken gepumpt. Bei hohem Energiebedarf wird das Wasser dann abgelassen, treibt Turbinen an und speist Strom ins Netz ein. Dies ist eine bewährte und skalierbare Technologie zur Bewältigung der Volatilität von Solar- und Windenergie.
Weltweite Kapazität erneuerbarer Energien (Schätzung 2023 in GW)
Energiequelle Installierte Kapazität (GW)
Wasserkraft (gesamt) 1.330
↳ davon Kleinwasserkraft ca. 150
Geothermie 17,5
Biomasse 130
Meeresenergie (Gezeiten/Welle) weniger als 1

Biomasse und Biogas: Erneuerbar aus organischem Material

Biomasse und Biogas repräsentieren eine wichtige Säule der erneuerbaren Energien, die organische Abfallströme und nachwachsende Rohstoffe nutzt, um Wärme, Strom und Kraftstoffe zu erzeugen. Sie bieten den Vorteil der Grundlastfähigkeit und der Kreislaufwirtschaft.

Biomasse zur Strom- und Wärmeerzeugung

Biomasse umfasst alle organischen Stoffe pflanzlichen oder tierischen Ursprungs, die energetisch genutzt werden können. Dazu gehören Holz, landwirtschaftliche Reststoffe, Energiepflanzen und organische Abfälle aus Haushalten und der Industrie. Die Verbrennung von Biomasse in Kraftwerken ermöglicht die Erzeugung von Strom und Wärme. Moderne Biomassekraftwerke erreichen hohe Wirkungsgrade und sind so konzipiert, dass sie Emissionen minimieren. Die nachhaltige Beschaffung der Biomasse, die keine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion darstellt und keine negativen Auswirkungen auf Biodiversität und Bodenqualität hat, ist dabei ein entscheidender Faktor.

Biogas: Die Kraft der Fermentation

Biogas entsteht durch die anaerobe Vergärung von organischen Materialien, wie Gülle, Mist, Klärschlamm, Bioabfällen und Energiepflanzen. Bei diesem Prozess zersetzen Mikroorganismen unter Ausschluss von Sauerstoff die organischen Stoffe und produzieren ein Gasgemisch, das hauptsächlich aus Methan (CH4) und Kohlendioxid (CO2) besteht. Dieses Biogas kann dann in Blockheizkraftwerken (BHKW) zur gleichzeitigen Erzeugung von Strom und Wärme genutzt werden. Es kann auch aufbereitet und ins Erdgasnetz eingespeist oder zu Biomethan veredelt werden, welches als Kraftstoff für Fahrzeuge oder zur Einspeisung in das Gasnetz dient. Die Nutzung von Biogas aus landwirtschaftlichen oder kommunalen Abfällen trägt somit nicht nur zur Energieerzeugung bei, sondern auch zur Abfallverwertung und zur Reduzierung von Methanemissionen.
Anteil verschiedener erneuerbarer Energiequellen an der weltweiten Stromerzeugung (Schätzung 2023)
Solar35%
Wind30%
Wasserkraft15%
Biomasse & Biogas8%
Geothermie & Andere2%

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft

Die Nachhaltigkeit von Biomasse- und Biogasanlagen hängt stark von der Herkunft und Bewirtschaftung der eingesetzten Rohstoffe ab. Bei sachgemäßer Planung und Umsetzung tragen sie zur Kreislaufwirtschaft bei, indem sie Abfälle verwerten, Nährstoffkreisläufe schließen und regionale Wertschöpfungsketten stärken. Die moderne Biotechnologie entwickelt zudem neue Verfahren zur effizienteren Umwandlung von Biomasse in wertvolle Produkte, wie z.B. Biotreibstoffe der zweiten und dritten Generation, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen.
"Biogas ist nicht nur ein Mittel zur Energiegewinnung, sondern ein unverzichtbarer Baustein für eine zirkuläre Wirtschaft. Es schließt Nährstoffkreisläufe, reduziert Treibhausgasemissionen aus Abfall und liefert lokal verfügbare Energie."
— Prof. Klaus Müller, Experte für erneuerbare Energien und Kreislaufwirtschaft

Wasserstoff: Der vielseitige Energieträger der Zukunft

Wasserstoff (H2) ist kein Primärenergieträger im eigentlichen Sinne, sondern ein Energieträger, der durch die Zerlegung von Verbindungen wie Wasser (H2O) oder Kohlenwasserstoffen gewonnen wird. Seine Bedeutung für die Energiewende liegt in seiner Vielseitigkeit: Er kann gespeichert, transportiert und in verschiedenen Sektoren eingesetzt werden, insbesondere dort, wo eine direkte Elektrifizierung schwierig ist.

Grüner Wasserstoff: Die nachhaltige Produktion

Die Farbe des Wasserstoffs bestimmt seine Nachhaltigkeit. "Grüner" Wasserstoff wird durch Elektrolyse von Wasser unter Einsatz von Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Solar- und Windkraft hergestellt. Dieser Prozess ist vollständig CO2-neutral. Die Elektrolyse spaltet Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff auf. Die wichtigsten Elektrolyseverfahren sind: * **Alkalische Elektrolyse:** Eine etablierte und kostengünstige Technologie. * **PEM-Elektrolyse (Proton Exchange Membrane):** Bietet höhere Effizienz und Flexibilität, ist aber teurer. * **Festoxid-Elektrolyse (SOEC):** Arbeitet bei hohen Temperaturen und kann auch Wärmeenergie nutzen, was die Effizienz steigert.

Anwendungsbereiche von Wasserstoff

Grüner Wasserstoff hat das Potenzial, viele Sektoren zu dekarbonisieren: * **Industrie:** In der Stahlproduktion (direkte Reduktion statt Hochofen), der Chemieindustrie (Herstellung von Ammoniak, Methanol) und der Raffinerie. * **Mobilität:** Als Kraftstoff für Brennstoffzellenfahrzeuge (LKW, Busse, Züge, Schiffe) oder als Beimischung zu Benzin und Diesel. * **Energiespeicherung:** Langfristige Speicherung von überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien. Wasserstoff kann in Kavernen oder Tanks gespeichert und bei Bedarf wieder in Strom umgewandelt (in Brennstoffzellen) oder direkt verbrannt werden. * **Gebäudewärme:** Einspeisung in das Erdgasnetz oder direkte Nutzung in speziellen Heizsystemen.

Herausforderungen und blau/grauer Wasserstoff

Die Hauptaufgabe bei der Verbreitung von grünem Wasserstoff ist die Skalierung der Produktion und der Aufbau der notwendigen Infrastruktur (Pipelines, Tankstellen). Die Kosten für die Elektrolyse müssen weiter sinken. Neben grünem Wasserstoff gibt es auch "blauen" und "grauen" Wasserstoff. Grauer Wasserstoff wird aus fossilen Brennstoffen (Erdgas) hergestellt, wobei CO2-Emissionen freigesetzt werden. Blauer Wasserstoff wird ebenfalls aus fossilen Brennstoffen gewonnen, aber das entstehende CO2 wird abgeschieden und gespeichert (CCS – Carbon Capture and Storage). Diese sind zwar als Übergangslösung denkbar, aber für eine wirklich nachhaltige Energieversorgung ist grüner Wasserstoff die einzige zukunftsfähige Option.
75%
Wasserstoffanteil in Methan
200+
MW Elektrolysekapazität weltweit (2023)
3x
Energiedichte pro Masse vs. Benzin

Die globale Nachfrage nach Wasserstoff wird bis 2030 voraussichtlich um über 50% steigen, wobei grüner Wasserstoff einen immer größeren Anteil ausmachen soll. Dies erfordert erhebliche Investitionen in neue Produktionsanlagen und Infrastruktur.

Kernfusion: Die ultimative Energiequelle?

Die Kernfusion, der Prozess, der die Sonne und Sterne antreibt, gilt als die "heilige Gral" der Energieerzeugung. Sie verspricht nahezu unerschöpfliche, saubere und sichere Energie mit minimalen langlebigen radioaktiven Abfällen im Vergleich zur Kernspaltung.

Das Prinzip der Kernfusion

Bei der Kernfusion verschmelzen leichte Atomkerne, typischerweise Isotope des Wasserstoffs (Deuterium und Tritium), zu einem schwereren Kern (Helium) unter Freisetzung enormer Energiemengen. Um diese Reaktion in Gang zu setzen, sind extrem hohe Temperaturen (Millionen Grad Celsius) und hoher Druck erforderlich, um die elektrostatische Abstoßung zwischen den positiv geladenen Kernen zu überwinden.

Aktuelle Forschungsansätze: Tokamak und Stellarator

Die beiden Hauptansätze zur kontrollierten Kernfusion sind der Tokamak und der Stellarator. Beide nutzen starke Magnetfelder, um das extrem heiße Plasma (ein ionisiertes Gas) einzuschließen und so den Kontakt mit den Reaktorwänden zu verhindern. * **Tokamak:** Ein donutförmiger Reaktor, der sowohl toroidale (um den Donut herum) als auch poloidale (entlang des Donut-Querschnitts) Magnetfelder nutzt. Das international größte Projekt dieser Art ist ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) in Frankreich. * **Stellarator:** Ein komplexer geformter Reaktor, der ausschließlich mit externen Magnetspulen auskommt, um das Plasma zu stabilisieren und einzuschließen. Dies verspricht theoretisch eine kontinuierlichere Betriebsweise als der Tokamak, ist aber technologisch noch anspruchsvoller. Es gibt auch weitere Ansätze wie die Trägheitsfusion, bei der kleine Pellets aus Deuterium und Tritium mit Hochleistungslasern komprimiert und zersprengt werden, um Fusionsreaktionen auszulösen.

Fortschritte und Herausforderungen

In den letzten Jahren gab es bedeutende Fortschritte in der Fusionsforschung. Im Dezember 2022 gelang es Wissenschaftlern des National Ignition Facility (NIF) in den USA erstmals, mehr Energie durch Fusion zu erzeugen, als für die Zündung des Plasmas aufgewendet wurde (Nettoenergiegewinn). Dies war ein historischer Meilenstein, auch wenn es sich noch um ein Experiment handelte und nicht um einen netzgekoppelten Kraftwerksprozess. Die größte Herausforderung ist nach wie vor die Erzeugung und Aufrechterhaltung eines stabilen Plasmas über lange Zeiträume, die technisch und wirtschaftlich für den kommerziellen Betrieb eines Fusionskraftwerks notwendig sind. Zudem müssen Materialien entwickelt werden, die der extremen Hitze und Neutronenstrahlung standhalten können.
"Die Kernfusion ist die ultimative saubere Energiequelle. Wenn wir sie meistern, können wir unseren Energiebedarf für Jahrtausende decken, ohne die Umwelt zu belasten. Die jüngsten Erfolge geben uns Grund zu Optimismus, aber der Weg zur kommerziellen Nutzung ist noch lang und steinig."
— Prof. Dr. Eva Klein, Kernphysikerin und Fusionsforscherin
Obwohl kommerzielle Fusionskraftwerke noch Jahrzehnte entfernt sind, versprechen die wissenschaftlichen und technologischen Durchbrüche eine Revolution in der Energieerzeugung, die das Potenzial hat, die globalen Energieprobleme zu lösen.

Zukünftige Herausforderungen und Innovationspfade

Die Entwicklung und Implementierung dieser fortschrittlichen erneuerbaren Energietechnologien ist nicht ohne Hürden. Die Bewältigung dieser Herausforderungen wird entscheidend für die Realisierung einer vollständig nachhaltigen Energiezukunft sein.

Infrastrukturelle Anpassungen und Netzintegration

Die Integration einer breiteren Palette von erneuerbaren Energiequellen erfordert eine grundlegende Anpassung der bestehenden Stromnetze. Diese müssen intelligenter, flexibler und widerstandsfähiger werden, um die schwankende Einspeisung aus verschiedenen Quellen auszugleichen und den Energiefluss effizient zu steuern. Der Ausbau von Energiespeichertechnologien auf allen Ebenen – von dezentralen Batteriespeichern in Haushalten bis hin zu großtechnischen Speichern wie Pumpspeicherkraftwerken oder Wasserstoffspeichern – ist unerlässlich.

Kosten, Skalierung und politische Rahmenbedingungen

Viele der hier vorgestellten Technologien befinden sich noch in der Entwicklungs- oder frühen Kommerzialisierungsphase. Hohe Anfangsinvestitionen und Skalierungsprobleme sind oft Hemmnisse. Um diese Technologien wettbewerbsfähig zu machen, bedarf es klarer politischer Rahmenbedingungen, staatlicher Förderprogramme, internationaler Zusammenarbeit und fortgesetzter Forschung und Entwicklung. Die Senkung der Produktionskosten durch technologische Fortschritte und Massenproduktion ist dabei ein entscheidender Faktor.

Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft in der Energieproduktion

Bei allen neuen Energietechnologien muss die Frage der Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus hinweg gestellt werden. Dies beinhaltet die Beschaffung von Rohstoffen (z.B. für Batterien oder seltene Erden für Windturbinen), die Produktion, den Betrieb und die Entsorgung oder das Recycling von Anlagen. Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft müssen auch im Energiesektor stärker verankert werden, um Ressourcen zu schonen und Abfall zu minimieren.
2050
Zieljahr für Klimaneutralität (EU-weit)
10+
Jahre bis zur kommerziellen Kernfusionsanlage (Schätzung)
100+
Milliarden € Investitionen in grüne Wasserstofftechnologien (EU, Prognose)
Die Energiewende ist ein komplexes Unterfangen, das ein Umdenken auf allen Ebenen erfordert. Durch die gezielte Förderung und Weiterentwicklung von Technologien jenseits von Solar- und Windkraft können wir eine resilientere, sauberere und sicherere Energieversorgung für kommende Generationen gewährleisten.

Weitere Informationen und Studien finden Sie auf folgenden Seiten:

Welche erneuerbare Energiequelle hat das größte ungenutzte Potenzial?
Das Potenzial ist je nach Region und technologischer Entwicklung unterschiedlich. Geothermie bietet riesige Mengen an grundlastfähiger Energie, die oft noch nicht erschlossen ist. Meeresenergie (Gezeiten und Wellen) birgt ebenfalls enorme, aber technologisch noch herausfordernde Reserven. Die Kernfusion, falls sie gelingt, wäre die ultimative Energiequelle.
Wie unterscheiden sich grüner, blauer und grauer Wasserstoff?
Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse mit Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt und ist CO2-neutral. Blauer Wasserstoff wird aus fossilen Brennstoffen gewonnen, wobei das entstehende CO2 abgeschieden und gespeichert wird. Grauer Wasserstoff wird ebenfalls aus fossilen Brennstoffen hergestellt, aber das CO2 wird einfach freigesetzt.
Sind Kernfusionskraftwerke gefährlicher als Kernspaltungskraftwerke?
Nein, Kernfusionskraftwerke gelten als inhärent sicherer. Eine unkontrollierte Kettenreaktion wie bei der Kernspaltung ist physikalisch nicht möglich. Bei einem Störfall würde das Plasma abkühlen und die Reaktion stoppen. Die Menge an radioaktivem Material, die im Reaktor vorhanden ist, ist zudem deutlich geringer als bei Kernspaltung.