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Kernfusion: Das Versprechen ewiger sauberer Energie

Kernfusion: Das Versprechen ewiger sauberer Energie
⏱ 25 min

Im Jahr 2023 wurden weltweit schätzungsweise 41.700 Terawattstunden (TWh) Strom verbraucht. Während ein Großteil dieser Energie immer noch aus fossilen Brennstoffen stammt, steht die Kernfusion als eine potenzielle Quelle für nahezu unbegrenzte, saubere Energie kurz vor dem Durchbruch, auch wenn die genaue Zeitlinie weiterhin Gegenstand intensiver Debatten ist.

Kernfusion: Das Versprechen ewiger sauberer Energie

Die Kernfusion, der Prozess, der die Sonne und andere Sterne antreibt, hat das Potenzial, die Energieversorgung der Menschheit zu revolutionieren. Dabei verschmelzen leichte Atomkerne zu schwereren, wobei enorme Mengen an Energie freigesetzt werden. Im Gegensatz zur Kernspaltung, die in aktuellen Kernkraftwerken genutzt wird, entstehen bei der Fusion keine langlebigen radioaktiven Abfälle, und das Risiko einer unkontrollierten Kettenreaktion ist praktisch ausgeschlossen. Die Brennstoffe – Deuterium und Tritium, Isotope des Wasserstoffs – sind auf der Erde reichlich vorhanden, vor allem im Meerwasser. Die Vision ist eine Energiequelle, die sicher, sauber und praktisch unerschöpflich ist, und damit die Lösung für die drängenden Probleme des Klimawandels und der globalen Energieknappheit darstellen könnte.

Die Grundlagen der Fusionsenergie

Das Prinzip der Kernfusion ist faszinierend einfach und doch extrem anspruchsvoll in der Umsetzung. Im Kern der Sonne verschmelzen Wasserstoffkerne unter immensem Druck und bei extrem hohen Temperaturen zu Heliumkernen. Bei diesem Prozess wird ein kleiner Teil der Masse in Energie umgewandelt, gemäß Einsteins berühmter Formel E=mc². Auf der Erde versuchen Forscher, diese Bedingungen in kontrollierten Reaktoren nachzubilden. Das Ziel ist es, ein Plasma, einen Zustand, in dem die Elektronen von den Atomkernen getrennt sind, auf Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celsius zu erhitzen. Bei diesen Temperaturen sind die Atomkerne so energiereich, dass sie die elektrostatische Abstoßung überwinden und fusionieren können.

Die am häufigsten untersuchte Fusionsreaktion für die Energieerzeugung ist die Fusion von Deuterium (D) und Tritium (T). Deuterium ist ein stabiles Isotop des Wasserstoffs mit einem zusätzlichen Neutron, während Tritium ein radioaktives Isotop mit einem Neutron ist. Ihre Fusion erzeugt einen Heliumkern, ein Neutron und eine erhebliche Menge an Energie. Dieses Neutron trägt den Großteil der freigesetzten Energie und kann genutzt werden, um Wärme zu erzeugen, die dann zur Stromproduktion verwendet wird. Die Herausforderung liegt darin, dieses heiße Plasma über einen ausreichend langen Zeitraum einzuschließen, damit mehr Energie erzeugt wird, als für den Betrieb des Reaktors verbraucht wird – ein Zustand, der als "Netto-Energiegewinn" bekannt ist.

Die Wissenschaft hinter der Fusion: Sonnenenergie auf der Erde

Die Nachbildung der Bedingungen im Inneren von Sternen auf der Erde erfordert extreme Temperaturen und Drücke. Die zentrale wissenschaftliche Herausforderung besteht darin, ein Plasma von über 100 Millionen Grad Celsius zu erzeugen und stabil zu halten. Bei solchen Temperaturen existiert Materie in einem Plasmazustand, in dem die Elektronen von den Atomkernen getrennt sind. Die Atomkerne sind dann positiv geladen und stoßen sich aufgrund ihrer elektrischen Ladung stark ab. Um eine Fusion zu ermöglichen, müssen die Kerne diese Abstoßung überwinden. Dies geschieht nur, wenn sie mit extrem hoher Geschwindigkeit aufeinanderprallen, was bei den erforderlichen extremen Temperaturen der Fall ist.

Die Rolle des Plasmas und der Einschließungsmethoden

Das Plasma, das für die Fusion benötigt wird, ist ein extrem instabiles Gebilde. Die Aufrechterhaltung der notwendigen Temperaturen und Dichten über einen Zeitraum, der für die Energiegewinnung ausreicht, ist eine gewaltige technische Leistung. Es gibt im Wesentlichen zwei Hauptansätze zur Einschließung des Plasmas: die magnetische und die Trägheitseinschließung.

Magnetische Einschließung (Magnetic Confinement Fusion - MCF)

Bei der magnetischen Einschließung werden starke Magnetfelder verwendet, um das heiße Plasma von den Wänden des Reaktors fernzuhalten. Da das Plasma aus geladenen Teilchen besteht, kann es durch Magnetfelder beeinflusst und in einer bestimmten Form gehalten werden. Der bekannteste Reaktortyp, der auf diesem Prinzip basiert, ist der Tokamak. Ein Tokamak ist eine torusförmige (ringförmige) Kammer, in der starke Magnetfelder das Plasma einschließen und stabilisieren. Der internationale Großversuch ITER in Frankreich ist ein Tokamak und das derzeit größte und ambitionierteste Projekt im Bereich der Fusionsforschung.

Ein weiteres Konzept der magnetischen Einschließung ist der Stellarator. Stellaratoren verwenden komplexere, externe Magnetspulen, um das Plasma zu formen und zu stabilisieren, ohne dass ein starker stromdurchflossener Plasma-Ring im Inneren erforderlich ist, wie es beim Tokamak der Fall ist. Dies könnte theoretisch zu stabileren Plasmen führen, ist aber technologisch noch anspruchsvoller in der Konstruktion.

Trägheitseinschließung (Inertial Confinement Fusion - ICF)

Bei der Trägheitseinschließung wird ein kleiner Pellet aus Deuterium und Tritium mit extrem starken Lasern oder Teilchenstrahlen von allen Seiten gleichzeitig beschossen. Dieser Beschuss komprimiert und erhitzt das Pellet explosionsartig, sodass für einen winzigen Bruchteil einer Sekunde eine ausreichend dichte und heiße Umgebung entsteht, in der Fusion stattfinden kann. Die Trägheitskräfte des sich schnell ausdehnenden Materials halten das Plasma kurzzeitig genug zusammen, um die Fusion zu ermöglichen. Der National Ignition Facility (NIF) in den USA ist ein bekanntes Beispiel für eine Anlage, die auf dem Prinzip der Trägheitseinschließung basiert und im Jahr 2022 einen bedeutenden Meilenstein erreicht hat.

100+
Millionen °C
10
Sekunden ( ITER Ziel)
Deuterium & Tritium
Brennstoffe
3
Hauptansätze (Tokamak, Stellarator, ICF)

Die Herausforderungen: Warum ist Fusion so schwer zu realisieren?

Trotz der immensen Fortschritte in den letzten Jahrzehnten sind die Hürden auf dem Weg zur kommerziellen Fusionsenergie beträchtlich. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, die extremen Bedingungen, die für die Fusion notwendig sind, über einen ausreichenden Zeitraum aufrechtzuerhalten und gleichzeitig mehr Energie zu erzeugen, als für den Betrieb des Reaktors aufgewendet wird. Dies erfordert nicht nur die Beherrschung von Hochtemperaturplasmen, sondern auch die Entwicklung von Materialien, die den enormen thermischen und neutronischen Belastungen standhalten.

Materialwissenschaftliche Grenzen und Neutronenbeschuss

Das Plasma in einem Fusionsreaktor erreicht Temperaturen von über 100 Millionen Grad Celsius. Kein bekanntes Material kann solchen Temperaturen direkt standhalten. Daher muss das Plasma von den Reaktorwänden ferngehalten werden, was durch die bereits erwähnten magnetischen oder Trägheitseinschließungsmethoden geschieht. Dennoch treffen freigesetzte Neutronen, die keine Ladung haben und daher nicht von Magnetfeldern beeinflusst werden, auf die Reaktorwände. Diese Neutronen sind hochenergetisch und können die Strukturmaterialien des Reaktors über die Zeit schädigen, sie spröde machen und radioaktive Isotope erzeugen.

Die Entwicklung von Materialien, die diesen extremen Bedingungen, insbesondere dem Neutronenbeschuss, über lange Zeiträume widerstehen, ist eine der größten technischen Herausforderungen. Diese Materialien müssen nicht nur ihre strukturelle Integrität behalten, sondern auch möglichst wenig radioaktive Abfälle produzieren und leicht austauschbar sein. Forschung an neuen Legierungen, Verbundwerkstoffen und Keramiken ist hier entscheidend.

Energiebilanz und Wirtschaftlichkeit

Das ultimative Ziel der Fusionsforschung ist es, eine Anlage zu bauen, die mehr Energie produziert, als sie für ihren Betrieb verbraucht. Dies wird als "Netto-Energiegewinn" bezeichnet. Während Projekte wie der NIF im Jahr 2022 erstmals mehr Energie aus der Fusion selbst gewonnen haben, als durch die Laserzufuhr erzeugt wurde (ein wissenschaftlicher Meilenstein für ICF), ist die Gesamteffizienz des Systems – also die Netto-Energiebilanz über den gesamten Prozess inklusive Energieverlusten – noch nicht ausreichend für eine kommerzielle Anwendung.

Für eine wirtschaftliche Stromerzeugung muss die Fusionsanlage nicht nur effizient sein, sondern auch kostengünstig zu bauen und zu betreiben. Die enormen Investitionen, die in aktuelle Großprojekte wie ITER fließen, sind ein Indikator für die Komplexität und die Kosten dieser Technologie. Es bedarf weiterer technologischer Durchbrüche, um die Kosten für den Bau und Betrieb von Fusionskraftwerken auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu senken.

Vergleich der Energiebilanz (Konzeptionell)
Energieaufwand für Aufheizung100%
Energieabgabe aus Fusion (NIF 2022)150%
Erforderliche Netto-Energie
für kommerzielle Nutzung
500%+

Aktuelle Fortschritte und Schlüsselprojekte weltweit

Die Fusionsforschung erlebt derzeit eine dynamische Phase. Sowohl staatlich geförderte Großprojekte als auch eine wachsende Zahl privater Unternehmen treiben die Entwicklung voran und erzielen bemerkenswerte Fortschritte. Diese Bemühungen bündeln unterschiedliche technologische Ansätze und zielen darauf ab, die kommerzielle Machbarkeit der Fusionsenergie zu beschleunigen.

ITER: Der globale Vorzeigefokus

ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor) ist das größte und ambitionierteste Fusionsprojekt der Welt und ein Gemeinschaftsprojekt von 35 Nationen, darunter die Europäische Union, China, Indien, Japan, Korea, Russland und die USA. Es wird in Südfrankreich gebaut und soll demonstrieren, dass es physikalisch und technologisch möglich ist, Fusionsenergie in einem kommerziell relevanten Maßstab zu erzeugen. ITER ist ein Tokamak und soll ein Plasma mit einer Leistung von 500 Megawatt für mehrere Minuten aufrechterhalten und dabei etwa 500 Megawatt elektrische Leistung erzeugen können. Die Inbetriebnahme der ersten Plasma-Tests ist für 2025 geplant, die volle Leistungsauslegung voraussichtlich bis 2035.

Der Erfolg von ITER wäre ein entscheidender Schritt, um die wissenschaftliche und technologische Machbarkeit der Fusionsenergie zu beweisen und den Weg für die Entwicklung von Demonstrationskraftwerken (DEMO) zu ebnen, die erstmals Strom ins Netz einspeisen sollen. Die Zusammenarbeit und der Wissensaustausch, der durch ITER gefördert wird, sind für die gesamte Fusionsgemeinschaft von unschätzbarem Wert.

Private Unternehmen und neue Ansätze

Parallel zu den staatlichen Großprojekten hat sich in den letzten Jahren eine lebhafte private Fusionsindustrie entwickelt. Zahlreiche Start-ups und etablierte Unternehmen investieren erhebliche Mittel in die Fusionsforschung und verfolgen dabei oft innovative und schnellere Ansätze als die traditionellen Großprojekte. Firmen wie Commonwealth Fusion Systems (CFS), eine Ausgründung des MIT, arbeiten an kompakten Tokamaks, die supraleitende Hochtemperaturmagnete verwenden, um stärkere Magnetfelder zu erzeugen und so kleinere, potenziell kostengünstigere Reaktoren zu ermöglichen.

Andere Unternehmen erforschen alternative Designs wie Stellaratoren oder gänzlich neue Konzepte, die auf Trägheitseinschließung mit alternativen Methoden zu Lasern setzen oder auf kompaktere Fusionsansätze. Diese Vielfalt an Ansätzen erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass verschiedene technische Probleme gelöst werden und beschleunigt den Innovationsprozess. Die erhöhte private Beteiligung und die damit verbundenen Investitionen sind ein starkes Signal für das wachsende Vertrauen in das Potenzial der Fusionsenergie.

35
Nationen beteiligt an ITER
500
MW (ITER-Ziel-Fusionsleistung)
20+
Jahre Forschung für ITER
Milliarden €
Investition in ITER

Die wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen

Die Realisierung der Fusionsenergie hätte tiefgreifende wirtschaftliche und ökologische Konsequenzen. Sie könnte die globale Energielandschaft grundlegend verändern und neue Industrien schaffen, während sie gleichzeitig die Dringlichkeit der Klimaschutzmaßnahmen adressiert.

Ein sauberer Planet und Energieunabhängigkeit

Fusionskraftwerke emittieren während des Betriebs keine Treibhausgase. Dies macht sie zu einer idealen Lösung im Kampf gegen den Klimawandel. Im Gegensatz zur Kernspaltung produzieren sie keine langlebigen, hochradioaktiven Abfälle, die über Jahrtausende sicher gelagert werden müssten. Die bei der Fusion anfallenden Abfälle sind hauptsächlich kurzlebige radioaktive Materialien, die aus den aktivierten Reaktorstrukturen stammen und nach einigen Jahrzehnten zerfallen. Die Brennstoffe, Deuterium und Tritium, sind praktisch unerschöpflich.

Die Verfügbarkeit von Deuterium im Meerwasser und die Möglichkeit, Tritium in den Fusionsreaktoren selbst zu erbrüten, versprechen eine hohe Energieunabhängigkeit für alle Nationen. Dies könnte geopolitische Spannungen reduzieren, die derzeit durch die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und deren knappen Vorkommen verursacht werden. Die dezentrale Verfügbarkeit von Brennstoffen würde eine stabilere und gerechtere Energieversorgung weltweit ermöglichen.

Schaffung neuer Industrien und Arbeitsplätze

Die Entwicklung und der Bau von Fusionskraftwerken erfordern hochspezialisierte Ingenieure, Wissenschaftler, Techniker und Facharbeiter. Die Komplexität der Anlagen, die von supraleitenden Magneten über fortschrittliche Vakuumtechnologien bis hin zu hochentwickelten Steuerungssystemen reicht, wird die Schaffung neuer Industriezweige und die Erschließung neuer Märkte vorantreiben. Dies schließt die Entwicklung neuartiger Materialien, die Herstellung von Hochleistungskomponenten und die Schaffung von Wartungs- und Betriebsdienstleistungen ein.

Darüber hinaus wird die Verfügbarkeit von reichlich vorhandener und sauberer Energie die Entwicklung energieintensiver Industrien fördern, wie z.B. die Wasserstoffproduktion durch Elektrolyse, die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen oder die energieeffiziente Produktion von Gütern. Die wirtschaftlichen Potenziale sind enorm und könnten zu einem globalen Wohlstandsschub führen, der durch eine nachhaltige und sichere Energieversorgung ermöglicht wird.

"Die Fusionsenergie ist der Heilige Gral der Energieerzeugung. Ihre Verwirklichung würde nicht nur unseren Planeten retten, sondern auch eine Ära des Wohlstands und der technologischen Entwicklung einläuten, die wir uns heute kaum vorstellen können."
— Dr. Anya Sharma, Leiterin des Instituts für Fusionsenergie

Wann können wir mit Fusionsenergie rechnen?

Die Frage nach dem "Wann" der kommerziellen Fusionsenergie ist eine der meistdiskutierten und schwierigsten Fragen in diesem Feld. Während einige optimistische Schätzungen von einer Stromproduktion in den 2030er Jahren sprechen, mahnen andere zur Vorsicht und verweisen auf die noch zu überwindenden technischen Hürden.

Die Roadmap zur kommerziellen Nutzung

Die gängige Vorstellung sieht eine Abfolge von Schritten vor: Zuerst kommen die experimentellen Anlagen wie ITER, die die wissenschaftliche und technische Machbarkeit demonstrieren sollen. Nach ITER sind Demonstrationskraftwerke (DEMO-Kraftwerke) geplant, die erstmals Strom ins Netz einspeisen und demonstrieren sollen, dass Fusionskraftwerke zuverlässig und wirtschaftlich betrieben werden können. Diese DEMO-Anlagen werden wahrscheinlich in den 2040er oder 2050er Jahren in Betrieb gehen.

Erst nach erfolgreichem Betrieb von DEMO-Anlagen könnten kommerzielle Fusionskraftwerke in großem Maßstab gebaut und betrieben werden. Realistisch betrachtet wird die breite Verfügbarkeit von Fusionsenergie daher eher in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu erwarten sein, also ab den 2060er oder 2070er Jahren. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass private Unternehmen oft aggressivere Zeitpläne verfolgen und auf schnellere Durchbrüche hoffen.

Faktoren, die den Zeitplan beeinflussen

Mehrere Faktoren können den Zeitplan für die kommerzielle Fusionsenergie beeinflussen:

  • Fortschritte in der Materialwissenschaft: Neue Materialien, die dem Neutronenbeschuss besser standhalten, könnten den Bau robusterer und langlebigerer Reaktoren ermöglichen und die Entwicklungszeit verkürzen.
  • Finanzierung und politische Unterstützung: Eine kontinuierliche und starke Finanzierung durch Regierungen und private Investoren ist entscheidend, um die ambitionierten Forschungs- und Entwicklungspläne umzusetzen. Politische Priorisierung kann den Prozess beschleunigen.
  • Technologische Durchbrüche: Unerwartete wissenschaftliche oder technologische Durchbrüche, beispielsweise bei der Plasmaeinschließung oder der Energiekonversion, könnten den Zeitplan erheblich verkürzen.
  • Internationale Zusammenarbeit: Die Fortsetzung und Vertiefung der internationalen Zusammenarbeit, wie sie bei ITER praktiziert wird, kann Ressourcen bündeln und redundante Forschung vermeiden.

Die jüngsten Erfolge, wie die Netto-Energiegewinne am NIF und die Fortschritte bei der Entwicklung von Hochtemperatur-Supraleitern, geben Anlass zu Optimismus, dass einige der technologischen Hürden schneller überwunden werden könnten als erwartet. Dennoch bleibt es ein Marathon, kein Sprint.

"Wir sehen die Fusionsenergie nicht als eine Energiequelle für übermorgen, sondern als eine, die wir heute entwickeln müssen, um die Energieprobleme der Zukunft zu lösen. Der Weg ist lang und steinig, aber das Ziel ist es wert."
— Dr. Jian Li, Chefingenieur bei Fusion Dynamics Corp.

Alternative Fusionsansätze und ihre Potenziale

Neben den etablierten Ansätzen wie Tokamaks und Stellaratoren (MCF) sowie der Trägheitseinschließung (ICF) werden weltweit verschiedene alternative Konzepte erforscht, die das Potenzial haben, die Entwicklung der Fusionsenergie zu beschleunigen oder effizienter zu gestalten. Diese Ansätze verfolgen oft das Ziel, die komplexen und kostspieligen Herausforderungen der herkömmlichen Methoden zu umgehen.

Kompakte Fusionsreaktoren und neue Konzepte

Ein vielversprechender Bereich ist die Entwicklung von kompakteren Fusionsreaktoren. Firmen wie Commonwealth Fusion Systems (CFS) setzen auf die Verwendung von Hochtemperatur-Supraleitern (HTS) in ihren Tokamak-Designs. Diese HTS-Magnete können stärkere Magnetfelder erzeugen als herkömmliche Supraleiter. Stärkere Magnetfelder ermöglichen eine effektivere Plasmaeinschließung bei gleichzeitig kleineren Reaktorgrößen und potenziell geringeren Kosten. CFS hat im Jahr 2021 einen Weltrekord für das stärkste magnetische Feld mit einem HTS-Magneten aufgestellt, was ein wichtiger Schritt für ihre "SPARC"-Anlage und das geplante kommerzielle Kraftwerk "ARC" ist.

Andere alternative Ansätze beinhalten Konzepte wie den "Linear Collider", bei dem das Plasma in einem linearen System eingeschlossen wird, oder "Magnetisierte Target Fusion" (MTF), eine hybride Methode, die Elemente der magnetischen und Trägheitseinschließung kombiniert. Diese und weitere Nischenansätze werden oft von kleineren, agileren privaten Unternehmen vorangetrieben, die flexibler auf neue Erkenntnisse reagieren können.

Die Rolle von Künstlicher Intelligenz und Big Data

Die zunehmende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz (KI) und Big Data Analysen spielt eine entscheidende Rolle in der modernen Fusionsforschung. Die riesigen Datenmengen, die von experimentellen Anlagen gesammelt werden, können von KI-Algorithmen analysiert werden, um komplexe Muster im Plasmaverhalten zu erkennen und Vorhersagen zu treffen. Dies hilft Forschern, die Plasma-Instabilitäten besser zu verstehen und zu kontrollieren, was zu einer effizienteren und stabileren Plasmaeinschließung führen kann.

KI wird auch zur Optimierung des Designs von Fusionsanlagen eingesetzt, zur Vorhersage von Materialermüdung und zur Steuerung der komplexen Betriebsabläufe. Die Fähigkeit, riesige Datenmengen schnell und präzise zu verarbeiten, beschleunigt die Lernkurve in der Fusionsforschung erheblich und hilft, Entwicklungskosten und -zeiten zu reduzieren. Diese technologischen Synergien sind ein wichtiger Treiber für den Fortschritt.

Vergleich ausgewählter Fusionskonzepte
Konzept Technologie Status Potenzial
Tokamak (ITER) Magnetische Einschließung Im Bau, experimentell Demonstration der wissenschaftlichen Machbarkeit
Stellarator Magnetische Einschließung Experimentell, Forschung Potenziell stabileres Plasma
ICF (NIF) Trägheitseinschließung (Laser) Experimentell, Meilenstein erreicht Wissenschaftliche Demonstrationen, militärische Anwendungen
Kompakte Tokamaks (CFS) Magnetische Einschließung (HTS-Magnete) In Entwicklung, Tests geplant Schnellere Entwicklung, potenziell kostengünstiger
Alternative Ansätze (z.B. MTF) Hybride/Neue Konzepte Frühe Forschung, experimentell Potenzielle Durchbrüche, unkonventionelle Lösungen

Die Reise zur Fusionsenergie ist eine der größten wissenschaftlichen und technischen Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht. Doch die immensen Fortschritte, die in den letzten Jahren erzielt wurden, lassen die Vision einer sauberen, sicheren und praktisch unerschöpflichen Energiequelle immer greifbarer werden. Ob sie in den 2040er oder erst in den 2070er Jahren breite Anwendung findet, die Anstrengungen lohnen sich – für eine nachhaltige Zukunft unseres Planeten.

Was ist der Unterschied zwischen Kernspaltung und Kernfusion?
Bei der Kernspaltung werden schwere Atomkerne (wie Uran) gespalten, wodurch Energie freigesetzt wird. Dies ist die Technologie, die in heutigen Kernkraftwerken genutzt wird. Bei der Kernfusion verschmelzen leichte Atomkerne (wie Wasserstoffisotope) zu schwereren Kernen, wobei ebenfalls Energie freigesetzt wird. Fusion ist der Prozess, der die Sonne antreibt.
Ist Kernfusion gefährlich?
Im Gegensatz zur Kernspaltung birgt die Kernfusion keine Gefahr einer unkontrollierten Kettenreaktion, die zu einer Kernschmelze führen könnte. Sollte das Plasma in einem Fusionsreaktor instabil werden, würde es einfach abkühlen und die Reaktion stoppen. Die Hauptrisiken liegen in der Handhabung von Tritium (einem radioaktiven Isotop) und der Aktivierung von Reaktormaterialien durch Neutronen, was aber im Vergleich zu den Abfällen der Kernspaltung gut beherrschbar ist.
Wann wird Fusionsenergie verfügbar sein?
Experten schätzen, dass kommerzielle Fusionskraftwerke frühestens in den 2060er oder 2070er Jahren eine breite Verfügbarkeit erreichen könnten. Zuvor müssen noch Demonstrationskraftwerke (DEMO) erfolgreich betrieben werden, die zeigen, dass Fusionsenergie wirtschaftlich und zuverlässig ins Stromnetz eingespeist werden kann. Private Initiativen verfolgen jedoch teils ambitioniertere Zeitpläne.
Welche Brennstoffe werden für die Fusion benötigt?
Die am häufigsten für die Energieerzeugung untersuchte Fusionsreaktion nutzt Deuterium und Tritium. Deuterium ist ein stabiles Isotop des Wasserstoffs und kann aus Wasser gewonnen werden. Tritium ist ein radioaktives Isotop, das auf der Erde selten ist, aber in zukünftigen Fusionsreaktoren aus Lithium gewonnen werden kann.